Kittenfutter vs. Katzenfutter: Was FEDIAF wirklich sagt
Kittenfutter ist nicht einfach kleineres Katzenfutter. Die FEDIAF-Werte zeigen, welche Nährstoffe wirklich anders sind – und was das für die Fütterung heißt.

Auf der Kittenfutter-Tüte im Regal steht ein anderes Etikett als auf der Tüte für erwachsene Katzen daneben, doch die Kroketten darin sehen fast gleich aus — nur kleiner. Der naheliegende Schluss: Kittenfutter ist im Kern dasselbe Futter, nur an kleinere Mäuler angepasst. Die FEDIAF-Nährwertrichtlinien 2024, nach denen europäisches Katzenfutter formuliert wird, zeichnen ein deutlich genaueres Bild — und es ist auch nicht so simpel, wie „für Kätzchen einfach alles verdoppeln" nahelegt.
Der Irrglaube: Kittenfutter ist Katzenfutter mit kleinerem Krokant
Kroketten-Größe ist der Unterschied, den man beim Umschütten in den Napf sofort sieht — kein Wunder, dass viele Halterinnen und Halter davon ausgehen, dahinter stecke im Kern dieselbe Rezeptur, nur an kleinere Kiefer angepasst. Dabei befindet sich eine Katze bis zu einem Alter von etwa 12 Monaten in einer aktiven Wachstumsphase, in der Skelett, Muskulatur, Nervensystem und Immunsystem gleichzeitig aufgebaut werden — bei großen Rassen wie der Maine Coon zieht sich diese Phase noch deutlich länger hin, oft bis zum 15. oder 18. Lebensmonat. Eine ausgewachsene Katze muss ihren Körper nur noch erhalten, ein Kätzchen muss ihn erst noch bauen — zwei grundlegend verschiedene Stoffwechsel-Aufgaben, die sich nicht allein über die Futterportion lösen lassen.
Was die FEDIAF-Zahlen tatsächlich zeigen
Der auffälligste Unterschied liegt beim Energiebedarf, nicht bei einzelnen Nährstoffkonzentrationen: Laut FEDIAF-Nährwertrichtlinien 2024 benötigen Kätzchen bis zu einem Alter von 4 Monaten das 2,0- bis 2,5-Fache der Erhaltungsenergie einer ausgewachsenen Katze pro Kilogramm Körpergewicht, zwischen 4 und 9 Monaten noch das 1,75- bis 2,0-Fache und zwischen 9 und 12 Monaten das 1,5-Fache. Weil ein Kätzchen also deutlich mehr Futter pro Kilogramm Körpergewicht frisst, kommt es am Ende auf spürbar mehr Protein, Fett und Mineralstoffe insgesamt, selbst dort, wo die Konzentration pro 100 g Trockensubstanz nur moderat höher liegt.
Bei zwei Mineralstoffen ist aber auch die Konzentration selbst deutlich verschieden: Die FEDIAF-Mindestwerte für Calcium und Phosphor liegen bei Wachstumsfutter mit 1,00 g bzw. 0,84 g pro 100 g Trockensubstanz zwei- bis über dreimal höher als bei Erhaltungsfutter (0,40 g bzw. 0,26 g). Zusätzlich ist das zulässige Calcium-Phosphor-Verhältnis bei Wachstumsfutter mit maximal 1,5:1 enger gefasst als bei Erhaltungsfutter, wo bis zu 2:1 erlaubt sind — ein wachsendes Skelett verträgt offenbar weniger Spielraum nach oben als ein ausgereiftes.
Noch deutlicher wird der Unterschied bei DHA und EPA, zwei Omega-3-Fettsäuren: Für Wachstumsfutter schreibt FEDIAF hier einen festen Mindestwert vor, für Futter für erwachsene Katzen dagegen gar keinen — in den offiziellen Tabellen steht bei Erhaltungsfutter schlicht ein Strich statt einer Zahl. Das ist kein Nebenaspekt, sondern ein Nährstoff, den ein ausgewachsenes Katzenfutter formal gar nicht enthalten muss, während er bei einem heranwachsenden Nervensystem und sich entwickelnden Augen als relevant genug gilt, um verbindlich vorgeschrieben zu werden. Wird der Nährstoffbedarf der Wachstumsphase über Wochen nicht gedeckt, merkt man das selten sofort — die Auswirkungen zeigen sich oft erst später, als geringere Endgröße, schwächere Knochendichte oder ein stumpferes Fell, ohne dass sich das im Nachhinein eindeutig auf die damalige Fütterung zurückführen lässt.
Die Umstellung richtig angehen
- Auf der Verpackung nach „Wachstum" oder einer Kennzeichnung für Kätzchen suchen, nicht nach „Erhaltung" — die Angabe der Lebensphase ist bei Alleinfuttermitteln nach Verordnung (EG) Nr. 767/2009 vorgeschrieben und aussagekräftiger als jede Kroketten-Größe.
- Mehrere kleine Mahlzeiten über den Tag verteilt oder freier Zugang zu Trockenfutter anbieten, statt zwei große Portionen wie bei einer erwachsenen Katze — das passt besser zum kleinen Magenvolumen und dem hohen Energieumsatz eines Kätzchens.
- Erst nach tierärztlicher Einschätzung, dass die rassetypische Wachstumsphase abgeschlossen ist, schrittweise über 7 bis 10 Tage auf Erhaltungsfutter umstellen — bei den meisten Katzen ist das um den 12. Monat der Fall, bei großen Rassen wie der Maine Coon oft erst mit 15 bis 18 Monaten.
- Bei mehreren Katzen im Haushalt mit unterschiedlichem Alter Kätzchen und erwachsene Katzen getrennt füttern, damit keine der beiden Gruppen dauerhaft am falsch formulierten Futter landet.
Häufig gestellte Fragen
Reicht es nicht, meinem Kätzchen einfach mehr vom Futter für erwachsene Katzen zu geben?
Nein — mehr Volumen an Erhaltungsfutter schließt weder die Lücke beim Calcium-Phosphor-Verhältnis noch beim DHA-Mindestwert, weil das Formulierungsunterschiede sind und keine reine Mengenfrage.
Woran erkenne ich auf der Verpackung, ob ein Futter für die Wachstumsphase geeignet ist?
Gesucht wird die Lebensphasen-Angabe im Kleingedruckten, meist als „Wachstum" oder „für Kätzchen" — diese Angabe ist bei europäischen Alleinfuttermitteln Pflicht und unabhängig von Markenname oder Verpackungsdesign zu finden.
Kittenfutter ist damit weder „dasselbe Futter, nur kleiner" noch pauschal „doppelt so viel von allem" — die FEDIAF-Zahlen zeigen ein genaueres Bild: beim Energiebedarf und bei Calcium, Phosphor und DHA liegen Welten zwischen Wachstums- und Erhaltungsfutter, bei anderen Werten ist der Unterschied kleiner, als man vielleicht erwartet hätte. Schau jetzt kurz auf die Rückseite der Futterpackung in deiner Küche: Steht dort „Wachstum" oder „Erhaltung"? Bist du dir beim Alter deiner Katze oder beim richtigen Umstellungszeitpunkt unsicher, oder wirkt dein Kätzchen trotz Wachstumsfutter ständig hungrig oder nimmt nicht wie erwartet zu, kann eine Tierärztin oder ein Tierarzt das anhand der individuellen Wachstumskurve einschätzen. Folge uns für weitere evidenzbasierte Hunde- und Katzenratgeber.
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