Zu viel Futter gefährdet heimlich die Gelenke großer Welpen
Mehr Futter und mehr Calcium lassen einen großwüchsigen Welpen nicht gesünder wachsen, sondern erhöhen laut Fachliteratur das Risiko für Skelettschäden.

Ein Deutsche-Dogge- oder Deutscher-Schäferhund-Welpe kann im ersten Lebensjahr mehr Gewicht zulegen, als ein kleiner Hund als ausgewachsenes Tier je auf die Waage bringt, und wer das beobachtet, bekommt schnell den Reflex, großzügig zu füttern – mehr Futter, mehr Calcium, was auch immer hilft, möglichst schnell 'groß und stark' zu werden. Genau dieser Reflex ist falsch herum gedacht. Bei groß- und riesenwüchsigen Welpen ist schneller nicht besser: Die Wachstumsgeschwindigkeit selbst, nicht nur die Futtermenge, ist einer der größten Hebel dafür, ob ein Welpe später gesunde Gelenke hat oder ein Leben lang mit orthopädischen Problemen kämpft.

Der Irrglaube: größerer Welpe, also größere Portionen
Halter großwüchsiger Welpen behandeln die Fütterung oft wie ein simples Skalierungsproblem – ein auf 60 Kilogramm projizierter Hund braucht angeblich einfach proportional mehr von dem, was ein kleinwüchsiger Welpe frisst, und freie Fütterung (Futter steht den ganzen Tag bereit) wirkt wie die großzügige, stressfreie Option, weil ein wachsender Welpe schließlich so viel fressen 'sollte', wie er will. Beide Annahmen übersehen etwas, das Wachstumskurven allein nicht zeigen: Wie schnell ein Welpe seine erwachsene Größe erreicht, zählt genauso wie die Endgröße selbst. Großwüchsige Rassen mit überwiegend deutschen Wurzeln – Deutsche Dogge, Deutscher Schäferhund, Rottweiler, Leonberger – erreichen ihre endgültige Größe zudem erst nach etwa 18 bis 24 Monaten, deutlich später als die 8 bis 12 Monate kleinerer Rassen, was das Zeitfenster für Fütterungsfehler in der empfindlichen Wachstumsphase entsprechend verlängert.
Warum es tatsächlich wichtig ist: Calcium, Wachstumstempo und Gelenkentwicklung
Welpen können anders als erwachsene Hunde die Menge an Nahrungscalcium, die sie über den Darm aufnehmen, nicht vollständig selbst regulieren – überschüssiges Calcium in der Ration wird nicht einfach ausgeschieden, sondern aufgenommen. Bei einem kleinwüchsigen Welpen, der vergleichsweise wenig Körpergewicht auf sich entwickelnde Gelenke bringt, ist das eine handhabbare Eigenheit. Bei einem groß- oder riesenwüchsigen Welpen verschärft sie ein Skelett, das ohnehin schon unter deutlich mehr Masse schnell wächst.
Die daraus resultierenden Erkrankungen fallen unter den Sammelbegriff Skelettentwicklungsstörung (developmental orthopedic disease) – dazu zählen Hüftdysplasie, Ellbogendysplasie, Osteochondrosis dissecans (OCD), hypertrophe Osteodystrophie, Panostitis und das Wobbler-Syndrom (zervikale Spondylomyelopathie). Als Haupttreiber gelten dabei nicht allein genetische Veranlagung, sondern überschüssiges Nahrungscalcium, überschüssige Energiezufuhr und eine zu schnelle Wachstumsrate im Zusammenspiel. Portionierte, zeitlich geplante Fütterung senkt die Häufigkeit solcher Störungen im Vergleich zu freier Fütterung nachweislich, weil kontrollierte Portionen verhindern, dass der Welpe seine maximal mögliche Wachstumsrate ausschöpft – das senkt den mechanischen Druck auf den noch nicht ausgereiften Gelenkknorpel. Es geht also um das Wachstumstempo, nicht einfach um die Gesamtkalorienzahl.
Was tatsächlich hilft: Rezeptur, Portionen und keine Extra-Präparate
- Welpenfutter speziell für großwüchsige Rassen verwenden, kein Standard-Welpenfutter. Solche Rezepturen orientieren sich an den FEDIAF-Nährstoffvorgaben für großwüchsige Rassen, die Calcium auf einen kontrollierten Bereich begrenzen – etwa 0,8% auf Trockensubstanzbasis, enger als bei regulärem Welpenfutter – und das Calcium-Phosphor-Verhältnis zwischen 1,1:1 und 2:1 halten, um ein gleichmäßiges statt sprunghaftes Knochenwachstum zu unterstützen.
- Abgemessene Mahlzeiten nach Zeitplan füttern, nicht frei zugänglich. Eine feste Portion zwei- bis dreimal täglich statt eines nie leeren Napfs ist die Änderung, die am direktesten mit langsamerem, gleichmäßigerem Wachstum und selteneren Skelettentwicklungsstörungen zusammenhängt.
- Kein zusätzliches Calcium, Multivitamine oder Knochenmehl auf ein komplettes Futter für großwüchsige Rassen draufpacken. Eine komplette Ration ist für das Wachstum bereits ausbalanciert – wer obendrauf ergänzt, holt sich genau das Calcium-Überschuss-Problem zurück, das die Rezeptur eigentlich vermeiden soll.
- Großwüchsige Welpen eher schlank halten, nicht rundlich. Ein Body Condition Score um 4 von 9 (Rippen unter einer dünnen Fettschicht gut tastbar) ist das Ziel, nicht ein runderer Look, der bei einem kleinwüchsigen Welpen vielleicht als 'gesund' durchgeht.
Häufig gestellte Fragen
Auf meinem Welpenfutter steht schon 'vollwertig und ausgewogen' – reicht das nicht?
Für einen normalwüchsigen Welpen ja. Für einen groß- oder riesenwüchsigen Welpen kann 'vollwertig und ausgewogen'-Futter, das nicht speziell für großwüchsige Rassen formuliert ist, trotzdem am oberen Ende des Calciumbereichs liegen, der für einen kleinen Hund in Ordnung ist, für einen schnell wachsenden großen aber zu viel. Auf dem Etikett gezielt nach einer Kennzeichnung für großwüchsige Rassen suchen.
Beeinflusst eine zu frühe Kastration auch das Gelenkwachstum?
Der richtige Zeitpunkt für eine Kastration ist ein eigenes Thema, unabhängig von der Fütterung, und variiert je nach Rasse und Einzeltier – das lohnt sich, gezielt in der Tierarztpraxis anzusprechen, statt von einem einheitlichen Alter für alle großwüchsigen Welpen auszugehen.
Lass dir von deiner Tierarztpraxis das voraussichtliche Endgewicht deines Welpen sowie die passende Futtermenge für seine individuelle Wachstumskurve bestätigen, und lass Hinken, Steifheit oder Spielunlust immer fachlich abklären, statt sie als normale Welpentollpatschigkeit abzutun – wer eine beginnende Gelenkproblematik früh erkennt, hat deutlich mehr Handlungsspielraum, als wenn erst gewartet wird, bis es offensichtlich ist.
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