Getreidefreies Hundefutter ist nicht automatisch herzgesund
Getreidefreies Hundefutter ist nicht automatisch herzgesund. Was die FDA-Untersuchung zu DCM zeigt und worauf es laut FEDIAF bei der Futterwahl ankommt.

„Getreidefrei" steht auf vielen Hundefutter-Verpackungen wie ein Gütesiegel – näher an dem, was ein Wolf fressen würde, weniger „Füllstoffe", eine natürlichere Rezeptur. Als in den USA Berichte über einen Zusammenhang zwischen bestimmten getreidefreien Futtersorten und einer ernsten Herzerkrankung bei Hunden auftauchten, verbreitete sich schnell die verkürzte Version: getreidefreies Futter macht herzkrank. So einfach ist es nicht, und für Hundehalter in Deutschland lohnt sich der genauere Blick – gerade weil hierzulande andere Deklarationsregeln gelten als in den USA.

Der Irrglaube: „Ohne Getreide" heißt automatisch gesünder
Die Logik hinter dem Trend: Getreide gilt als billiger Füllstoff, Hunde stammen vom Wolf ab, also muss ein getreidefreies Rezept näher an der „natürlichen" Hundeernährung liegen und deshalb pauschal besser sein. Für viele Hunde auf vielen getreidefreien Rezepturen verursacht das Futter tatsächlich keinerlei Probleme. Die Verwirrung begann 2018, als die US-amerikanische Arzneimittelbehörde FDA nach gehäuften Meldungen von dilatativer Kardiomyopathie (DCM) – einer Erkrankung, bei der der Herzmuskel erschlafft, sich vergrößert und schwächer pumpt – bei Rassen, die genetisch eigentlich nicht dafür prädisponiert sind, eine Untersuchung startete. Viele Halter erinnern sich heute an „getreidefreies Futter wurde wegen Herzkrankheiten zurückgerufen" – einen Rückruf gab es nie, und selbst die FDA erklärte, die Meldungen allein würden nicht beweisen, welcher Inhaltsstoff oder welche Rezeptur ursächlich war. Relevant ist das auch für den deutschen Markt: Hierzulande wird Hundefutter nicht nach dem US-Standard AAFCO, sondern nach den FEDIAF-Leitlinien und der EU-Futtermittelverordnung (EG) Nr. 767/2009 als „Alleinfuttermittel" deklariert – ein direkter Vergleich der Kennzeichnungen hinkt deshalb.
Warum „getreidefrei meiden" trotzdem zu kurz greift
Zwischen Januar 2018 und April 2019 registrierte die FDA 553 DCM-Meldungen – ein deutlicher Sprung gegenüber den wenigen Fällen, die zuvor pro Jahr gemeldet wurden. Die betroffenen Rezepturen waren überwiegend als getreidefrei gekennzeichnet, doch das eigentliche Muster, das Forscher fanden, war nicht das fehlende Getreide, sondern ein hoher Anteil an Erbsen, Linsen, Kichererbsen und anderen Hülsenfrüchten – teils gleich mehrfach auf dem Etikett in aufgesplitteter Form wie Erbsenprotein, Erbsenstärke und Erbsenfaser. In der Fachdiskussion wird dieser Rezepturtyp gelegentlich mit dem Kürzel „BEG" (boutique, exotische Zutaten, getreidefrei) zusammengefasst.
Die ursprüngliche Leittheorie war ein Taurinmangel: Taurin unterstützt die normale Herzmuskelfunktion, und obwohl Hunde es normalerweise selbst aus anderen Aminosäuren bilden können, vermuteten Forscher, dass hülsenfruchtlastige Rezepturen diesen Prozess bei manchen Hunden stören. Für eine bestimmte Untergruppe stimmt das nachweislich – eine Studie aus dem Jahr 2020 fand niedrige Taurinwerte im Zusammenhang mit der Fütterung speziell bei Golden Retrievern. Das erklärt aber nicht das gesamte Muster: Der veterinärmedizinische Ernährungsdienst der Tufts University, der das Thema seit Beginn verfolgt, stellt inzwischen fest, dass ernährungsbedingte DCM offenbar nicht einfach auf einen Getreide- oder Taurinmangel zurückzuführen ist – andere Wirkmechanismen werden weiter untersucht. Erschwerend kommt hinzu, dass manche Rassen rein genetisch bedingt DCM entwickeln, unabhängig von der Fütterung – darunter der Dobermann, die Deutsche Dogge und der Irische Wolfshund. Gerade die Deutsche Dogge, eine der ursprünglich in Deutschland gezüchteten Rassen, gehört zu den am stärksten betroffenen, was die Trennung zwischen ernährungsbedingten und ohnehin auftretenden Fällen zusätzlich erschwert.
Was tatsächlich hilft: Rezeptur statt Label beurteilen
Die Datenlage stützt keine pauschale Regel wie „getreidefrei immer meiden" – viele getreidefreie Rezepturen sind nicht hülsenfruchtlastig aufgebaut und zeigen kein auffälliges Muster. Sinnvoller ist es, ein Futter nach seiner Rezeptur zu beurteilen statt nach dem, was draufsteht:
- Auf eine Deklaration als „Alleinfuttermittel" nach FEDIAF-Leitlinien achten und Rezepturen bevorzugen, die mit Beteiligung eines Fachtierarztes für Tierernährung entwickelt wurden – nicht solche, die vor allem mit einer Marketinggeschichte (getreidefrei, „Boutique", exotische Proteinquelle) werben.
- Die Zutatenliste auf wiederholt auftauchende Erbsen, Linsen, Kichererbsen oder andere Hülsenfrüchte prüfen, auch in aufgesplitteter Form – genau diese Wiederholung ist das Muster, das Forscher tatsächlich auffällig fanden, nicht die getreidefreie Kennzeichnung an sich.
- Wenn dein Hund schon länger eine Boutique- oder hülsenfruchtlastige Rezeptur frisst (Effekte zeigen sich meist erst nach vielen Monaten), das beim nächsten Routinetermin in der Tierarztpraxis proaktiv ansprechen, statt auf Symptome zu warten.
Bei Rassen mit bekannter genetischer Vorbelastung lohnt sich dieses Gespräch besonders frühzeitig – deine Tierärztin oder dein Tierarzt kann in solchen Fällen auch ein Herz-Basisscreening vorschlagen, noch bevor überhaupt etwas auffällig wirkt.
Häufig gestellte Fragen
Muss ich mein getreidefreies Futter sofort wechseln?
Nicht zwangsläufig, und schon gar nicht aus Panik. Schau dir an, was tatsächlich in der Rezeptur steckt, und sprich mit deiner Tierarztpraxis – besonders wenn dein Hund schon lange dasselbe Futter frisst oder zu einer vorbelasteten Rasse gehört.
Sollte ich vorsorglich Taurin zufüttern?
Nicht auf eigene Faust. Taurinmangel erklärt nur einen Teil der Fälle, unkontrolliertes Zufüttern löst das größere, noch untersuchte Muster nicht, und deine Tierarztpraxis kann den Taurinspiegel bei begründetem Verdacht direkt messen.
Nichts davon ersetzt ein Gespräch mit deiner Tierarztpraxis über die konkrete Rasse und Fütterung deines Hundes. Hustet dein Hund auffällig häufig, ermüdet er schneller als sonst bei Spaziergängen, atmet er auch in Ruhe schwer oder schnell, wirkt der Bauch sichtbar aufgebläht, oder ist er schon einmal kollabiert – das sind klassische Anzeichen einer Herzschwäche und sollten noch am selben Tag tierärztlich abgeklärt werden, unabhängig davon, was im Napf liegt.
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