Getreidefrei und Herz: Was hat sich seit 2018 geändert?
Die Getreidefrei-DCM-Debatte bei Hunden gilt oft als abgeschlossen. Neue Studien seit 2018 zeigen: Nicht das Label zählt, sondern die Rezeptur.

Du hast dein Futter vor Jahren aus Sorge um das Herz deines Hundes auf eine getreidefreie Rezeptur umgestellt – oder ganz bewusst dabei geblieben, weil du gelesen hast, ein Zusammenhang mit Herzerkrankungen sei nie bewiesen worden. Seitdem hast du die Packung wahrscheinlich nicht mehr kritisch angeschaut, das Thema schien erledigt. Tatsächlich ist die Debatte um getreidefreies Hundefutter und dilatative Kardiomyopathie (DCM) seit den ersten Warnungen 2018 alles andere als stehen geblieben – weder „getreidefrei ist gefährlich" noch „das war alles übertrieben" trifft den aktuellen Forschungsstand.

Der Irrglaube: „Das Thema ist doch längst durch"
Halter landen meist in einem von zwei festen Lagern und aktualisieren ihre Meinung seitdem nicht mehr. Die einen wechselten beim ersten Alarm sofort zu getreidehaltigem Futter zurück und betrachten die Sache als erledigt. Die anderen haben irgendwo mitbekommen, ein direkter Kausalzusammenhang sei „nie bewiesen" worden, und schließen daraus, getreidefreies Futter sei komplett unbedenklich. Beide Positionen beruhen auf dem Wissensstand von vor Jahren – die ursprüngliche Untersuchung der US-Arzneimittelbehörde FDA endete selbst nie mit einem eindeutigen Schlussbefund, und die veterinärmedizinische Forschung zum eigentlichen Mechanismus ist seither spürbar weitergegangen.
Wichtig für den deutschen Markt: Diese Untersuchung ist eine US-amerikanische FDA-Angelegenheit, keine europäische oder deutsche Behördenmaßnahme. Relevant ist sie für hiesige Halter trotzdem, weil viele der betroffenen internationalen Marken und ähnliche getreidefreie Rezepturen auch in Deutschland verkauft werden – hierzulande ist ohnehin nicht die AAFCO, sondern FEDIAF die maßgebliche Referenz für Hundefutter-Rezepturen.
Warum es komplizierter ist, als das Label vermuten lässt
Als die FDA ihre Auswertung 2020 erneut aktualisierte, lagen bereits über 1.100 gemeldete Verdachtsfälle vor – deutlich mehr als bei der ersten Meldung 2019. Selbst zu diesem späteren Zeitpunkt benannte die Behörde aber keinen einzelnen ursächlichen Inhaltsstoff, sondern sprach weiterhin nur von einer auffälligen Häufung bei bestimmten Rezepturtypen. Ein eindeutiger Schlussbefund blieb aus – das Kapitel wurde nie offiziell geschlossen, es wurde nur weniger in den Nachrichten erwähnt.
Verschoben hat sich seither vor allem die Leittheorie: Ursprünglich stand die Vermutung im Raum, das fehlende Getreide selbst könnte einen schützenden Nährstoff verdrängen. Inzwischen deutet mehr darauf hin, dass ein hoher Anteil an Hülsenfrüchten – Erbsen, Linsen, Kichererbsen – unabhängig vom Getreidegehalt der eigentliche gemeinsame Nenner ist. Getreidefrei war offenbar nie die präzise Ursache, sondern nur ein Etikett, das in der Praxis häufig mit genau diesem Rezepturmuster zusammenfiel – auch getreidehaltiges Futter mit hohem Hülsenfruchtanteil taucht in neueren Auswertungen auf.
Auch bei klinisch gesunden Hunden ohne DCM-Diagnose fanden Forschungsgruppen inzwischen erhöhte Werte eines Herzmuskel-Markers (hochsensitives Troponin I) bei getreidefrei gefütterten Tieren im Vergleich zu Hunden mit getreidehaltigem Futter – in Folgeuntersuchungen bildeten sich diese Werte nach einer Futterumstellung teilweise wieder zurück, was auf einen zumindest anfangs umkehrbaren Prozess hindeutet.

Der bislang deutlichste Fortschritt kam im Januar 2025: Ein Forschungsteam identifizierte im Fachjournal American Journal of Veterinary Research erstmals einen konkreten Urin-Biomarker, der auf eine gestörte Phospholipid-Verarbeitung in Körperzellen hindeutet – ein Muster, wie es sonst von arzneimittelbedingten Stoffwechselstörungen bekannt ist. Bemerkenswert daran: Dieser Mechanismus lässt sich weder durch einen einfachen Taurinmangel noch durch das bloße Fehlen von Getreide erklären – genau die beiden Erklärungen, auf denen die ursprüngliche Hypothese aus den 1990er-Jahren und die ersten FDA-Warnungen von 2018 noch aufbauten. Ein Update der Tufts University von Mitte 2026 zählt inzwischen mehr als 30 wissenschaftliche Studien, die seit der ersten FDA-Warnung 2018 zu diesem Thema erschienen sind, und bestätigt: ernährungsbedingte DCM gilt als eigenständige, nicht rassespezifische Verlaufsform, bei der sich der Herzmuskel oft – besonders bei früher Erkennung – nach einer Futterumstellung wieder erholen kann.
Was jetzt wirklich zählt: Rezeptur statt Label
Die Konsequenz aus alldem ist nicht „getreidefrei meiden" oder „komplett ignorieren", sondern genauer hinzuschauen:
- Herstellerangaben statt Verpackungsaufdruck prüfen – die international anerkannten WSAVA-Leitlinien empfehlen unter anderem zu fragen, ob eine festangestellte, qualifizierte Fachtierärztin oder ein Fachtierarzt für Tierernährung an der Rezeptur beteiligt ist und ob der Hersteller Fütterungsstudien sowie Nährstofftests, etwa auf Taurin, veröffentlicht.
- Die Zutatenliste auf wiederholt genannte Hülsenfrüchte prüfen – auch in aufgesplitteter Form wie Erbsenprotein, Erbsenstärke oder Linsenmehl –, unabhängig davon, ob „getreidefrei" oder „getreidehaltig" draufsteht.
- Eine Deklaration als „Alleinfuttermittel" nach den FEDIAF-Leitlinien ist ein sinnvoller Ausgangspunkt (FEDIAF ist die europäische Referenz, zuletzt 2025 aktualisiert), ersetzt aber nicht die Frage nach der eigentlichen Rezepturqualität.
- Frisst dein Hund schon länger dieselbe getreidefreie oder hülsenfruchtreiche Rezeptur, ist das kein Grund zur Panik – aber ein guter Anlass, das beim nächsten Routinetermin in der Tierarztpraxis kurz anzusprechen, besonders bei großen oder genetisch vorbelasteten Rassen.
Häufig gestellte Fragen
Muss ich mein getreidefreies Futter nach diesen neuen Erkenntnissen jetzt wechseln?
Nicht zwangsläufig und schon gar nicht überstürzt. Schau dir an, wie viele Hülsenfrüchte in der Rezeptur stecken und ob der Hersteller Fütterungsstudien sowie Nährstofftests veröffentlicht – das sagt mehr aus als das Wort „getreidefrei" allein.
Sollte ich vorsorglich Taurin zufüttern?
Nicht auf eigene Faust. Die neuere Forschung zeigt gerade, dass ein einfacher Taurinmangel das Muster nicht vollständig erklärt – eine unkontrollierte Nahrungsergänzung löst das größere, noch untersuchte Problem nicht und sollte immer mit der Tierarztpraxis abgesprochen werden.
Noch einmal zusammengefasst, was hier wirklich zählt: nicht das Etikett „getreidefrei" oder „getreidehaltig" entscheidet, sondern die Rezeptur, die Herstellerangaben und der Hülsenfruchtanteil – und die Forschung dazu bewegt sich weiter, mit dem Urin-Biomarker vom Januar 2025 als bislang konkretestem Fortschritt. Zeigt dein Hund Husten, ungewöhnliche Müdigkeit, eine spürbar geringere Belastbarkeit bei Spaziergängen oder auffällig schwere Atmung schon in Ruhe, ist das noch am selben Tag ein Fall für die Tierarztpraxis – das kann, muss aber nicht auf eine beginnende Herzerkrankung wie DCM hindeuten, absichern lässt sich das nur tierärztlich.
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